Die nun angekündigte Demonstration in Wuppertal hat aber eine längere Vorgeschichte. Seit dem Sommer 2010 hat sich im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel eine neue Naziszene mit Treffpunkten und eigenen Aktionen etabliert. Bis dahin hatten Wuppertaler Nazis sich nur als fleissige bundesweite Demogänger betätigt, ihre „Reiseberichte“ aus Remagen, Leipzig, Dortmund, Bad Nenndorf und Dresden waren vielfach einfach bei den Kameraden abgeschrieben. Eine neue Nazi-Generation um den Auszubildenden Kevin Koch, um Maik Dasberg, Fabian Mayer, Rene Heuke, Marie Leder, Norman Mayer, den Gymnasiasten Tobias Maczewski und den Naziskin Tim Baudach ist mittlerweile herangewachen.

Sie waren in den Jahren vorher z.T. als Skinheads und Punks unterwegs, nach Kontakten zu rechten Metal-Fans drifteten sie in Szene der bekennenden Nationalsozialisten um Axel Reitz ab. Dieser merkwürdigen „Führungsfigur“ der Naziszene laufen die Wuppertaler Nazis seit einigen Monaten bundesweit hinterher. In der Aktionsgruppe (AG) Rheinland haben sie offensichtliche ihre politische Heimat und sozialen Zusammnhalt gefunden. Nur einer der Nazis, der 26 jährige Mike Dasberg hat bereits eine längere Geschichte in Nazikreisen hinter sich. Insbesondere hält er Kontakt zur NS-Musikszene um Dux et Patria um die Gebrüder Cherubin in Velbert. Sein Foto findet sich auch auf einem Booklet einer frühen CD von Dux et Patria.

Eine Internetpräsenz haben die „Nationalen Sozialisten Wuppertal seit Sommer 2009. Dort fabulierten sie von angeblich gewonnenen Schlachten gegen die „Rote Antifa“. Eigenständige Aktionen machten die Wuppertaler Nationalsozialisten nur mit Verstärkung aus anderen Städten, ínsbesondere aus dem Kreis Mettmann, Düsseldorf,Solingen, Leverkusen und Köln. Am 13. April 2010 versuchten eine Gruppe von ca. 10 Wuppertaler und Solinger Nazis in Solingen-Merscheid eine Informationsveranstaltung zum Thema pro NRW zu stören. Eine 2 (!)köpfige Security konnte die Provokation unterbinden. Am 17. April 2010 unterstützten die Wuppertaler Nazis um Kevin Koch einen Infostand der NPD Düsseldorf/Mettmann in Düsseldorf.

Der enge Kontakte zur NPD Düsseldorf/Mettmann ergibt sich automatisch der Vorsitzende Manfred Breidenbach gehört zum NS-Flügel der NPD und rief auf der Demo in Velbert dazu auf, „bis aufs Blut gegen die Überfremdung zu kämpfen“ und so „unsere Rasse vor dem Untergang“ zu bewahren. Auffallend ist, dass die Wuppertaler Nazis und mit ihnen die gesamte AG Rheinland unter der Führung von Axel Reitz einen immer stärkeren NS-Kurs steuern und sich so in der Szene der (gemäßigten) Rassisten und Rechtspopulisten zunehmend isolieren. Auch der von den Nazis mit obskuren Demoregeln durchgesetzte Politikstil ersetzt zunehmend den etwas moderneren Stil der Autonomen Nationalisten (AN). So müssen die Nazis auf der Wuppertaler Demo „normal und gesittet (…) erscheinen. (…) Wir repräsentieren immer noch ein Volk, samt Kultur und Identität, keine neuzeitlichen Subkulturen etc.(…) „Benehmt euch entsprechend unserer Weltanschauung und bedenkt. dass wir an diesem Tage ein politisches Ziel verkörpern und verbreiten wollen. Wir veranstalten kein Fußballspiel, Konzert oder ähnliches.“ In internen Chats wird zunehmend das undisziplinierte Gehabe der ANs mit ihren Blackblocs als unangemessen kritisiert. Die Themen dieser NSler verkürzen sich auf klare Nazithemen, das Dritte Reich wird für diese jungen Nazi-Epigonen immer wichtiger, sie sind drei Viertel des Jahres mit Toten- und Heldenverehrung, Rudolf Hess, „Kriegsgefangenlagern“ in Remagen und Bad Nenndorf beschäftigt. Ein moderne Nazibewegung sieht anders aus.

Die politische Veränderung Richtung NS spiegelt sich auch in ihrer Kommunikation in diversen sozialen Netzwerken wieder. Z.B. der Gymnasiast Tobias Maczewski postet Judenwitze und SA-Lieder. Insgesamt gerieren sich diese Jungnazis als verfolgte SA-Männer , die vom „Rotmord feige von hinten erstochen werden“ und vieles mehr. Sie posieren mit Hakenkreuzwimpeln und Hitlergruß und sie sind sich offensichtlich sicher, das der Wuppertaler Staatsschutz sie gewähren lässt.
Im September 2010 reagierte ein antifaschistisches Bündnis mit der Organisierung eine Festes auf dem zentralen Platz in Wuppertal-Vohwinkel. Ziel war es, öffentlich den Treffpunkt der Nazis im Stadteil antifaschistisch zu besetzen und die lokale Öffentlichkeit über die neuen Nazistrukturen zu informieren. Vorausgegangen waren Plakat- und Aufkleberaktionen der Nazis, zum Todestag von Rudolf Heß überklebten sie in Vohwinkel eine Plakatwand mit NS-Propaganda. Ein Stadtteilbüro der SPD wurde mit einem Hakenkreuz beschmiert. Am gravierensten war aber, das es die Nazis wagten, eine vermeintlich antifaschistische Familie zu terrorisieren.
Die Nazis fühlten jetzt sich durch wachsende Antifa-Aktivitäten in vermeintlich „ihrem Stadtteil“ herausgefordert. Bei antifaschistischen Flyer – und Plakataktionen, bei Hausbesuchen etc. waren die Vohwinkler Nazis plötzlich mit Leuten konfrontiert, die nicht wegliefen und sich einschüchtern lassen, sondern die Nazis selber mussten laufen gehen. Ein Angriffsversuch auf das antifaschistische Fest scheiterte, eine größere Gruppe von regional mobilisierten Nazis wurde schon in der Schwebebahn von der Polizei festgenommen.

Aktuelle Naziaktivitäten
Am 30. Oktober 2010 waren die Wuppertaler Nationalsozialisten Mike Dasberg, Tobi Maczewski, Marie Leder, Fabian Mayer und Kevin Koch führend an der ausländerfeinlichen Demo in Velbert beteiligt. Mit dabei war auch der Solinger Michael Schneider. Sie führten ein eigenes Transparent mit dem Text „Multikulti ist sozialer Krieg“ mit und waren an der Demoorga beteiligt. Kevin Koch und Fabian Mayer waren darüber hinaus als Mitarbeiter des Nazimedienportals „Medinet West“ für Video- und Fotoaufnahmen verantwortlich. Augenscheinlich haben besonders diese beiden Jungnazis überregionale Aufgaben für die NS-Szene übernommen. So waren beide z.B bei den Nazidemos in Aachen, Hamm, Remagen und München für Medinet West unterwegs. Für das sog. Heldengedenken am 11. November 2010 in München trat Kevin Koch sogar zusammen mit Axel Reitz und Paul Breuer in einem Mobilsierungsvideo als Sprecher auf.

Angriff auf Filmvorführung im Cinemaxx
Als am 30.11. 2010 25-30 Nazis aus der gesamten Region unter der Führung der Wuppertaler Fabian Mayer und Mike Dasberg eine Kinopremiere des Antinazi-Aufklärungsfilms „das braune Chamäleon“ des Wuppertaler Medienprojekts stören wollen, konnte es auch die lokale Presse nicht mehr verheimlichen. Wuppertal hat ein neues Naziproblem.
Zwei Tage später berichtete die Westdeutsche Zeitung über einen Prozess gegen fünf Nazis, die im vergangenen Jahr u.a. mit Baseballschlägern bewaffnet in eine Wohnung in Wuppertal -Vohwinkel eingedrungen waren und einen dort lebenden Nazi angegriffen hätten. Das Opfer war der ehemalige Duisburger, der einem jungen Mann an der S-Bahn-Station Wuppertal-Steinbeck fast den Schädel eingeschlagen hat und dafür zu 6 Jahren Haft verurteilt wurde. Weder das erste Verbrechen war vorher durch die lokale Presse oder durch Polizei öffentlich geworden, auch das der vermeintliche Duisburger Nazi eine Wohnung in Wuppertal Vohwinkel bezogen hatte, war der hiesigen Presse eine Zeile wert, denn gefährliche Nazis kommen immer von auswärts und sind nie organisiert. Das kann sich jetzt seit dem versuchten Überfall auf ein Wuppertaler Kino verändern. Jetzt ist es quasi amtlich, auch wenn der Staatsschutz öffentlich keine organisatorischen Verbindungen zu Naziparteien und Organisationen sehen will.
Die Nazis um die AG Rheinland jedenfalls rüsten sich für den 29.1. 2011 für den Kampf um die Strasse. Die Demo gegen das Autonome Zentrum, so Axel Reitz auf einer Mobilisierungsveranstaltung am 17. Dezember in Mettmann , „diene nicht alleine der Aufklärung der Bevölkerung über die kriminellen Umtriebe der Antifa, sondern werde auch ein sichtbares Zeichen für den Aufbruch nationaler Strukturen im Bergischen Land darstellen, erläuterte Axel Reitz unter Beifall.“ Das muss die antifaschistische Bewegung verhindern.

Weitere Infos:

ARD Kontraste: Bericht zur Nazidemonstration in Velbert Bericht zur Nazi-Demonstration in Velbert des ARD-Magazins Kontraste
Weitere Version des Kontraste-Berichts auf der Website vom RBB

Das Braune Chamäleon (Medienprojekt Wuppertal)

taz-Artikel zum Naziangriff

Bericht in der Westdeutschen Zeitung (WZ)